Phytotherapie

1. Medizingeschichtlicher Hintergrund

Die Phytotherapie, d. h. die Behandlung mit Heilpflanzen, ist mit der Heilkunde seit Jahrtausenden eng verbunden. Sie reicht in ihren Anfängen bis in jene Zeiten zurück, in denen wissenschaftliche Medizin und Volksmedizin ohne theoretische Voraussetzungen in einer primitiven Erfahrungswis­senschaft nebeneinander existierten.

Bei der Vielzahl der in der Pflanzenwelt vorkommenden Arten ist es verständlich, daß die Zahl der Heilmittel aus dem pflanzlichen Bereich sehr groß ist. Es ist daher auch verständlich, daß die reine Empirie nur langsam, schrittweise, vielfach nur durch den Zufall geleitet, zu brauchbaren therapeu­tischen Ergebnissen gelangen konnte. […]

[…] Später erfuhr die Phytotherapie einen neuen Impuls durch Samuel Hahnemann. Er sammelte durch Wirksamkeitsprüfungen am gesunden Menschen Anhaltspunkte für die Anwen­dung auch pflanzlicher Heilmittel zu Heilzwecken. Hahnemann schuf in seinem System eine wirk­liche Beziehung zwischen der Heilpflanze und dem Menschen. Der Wert seiner Methode lag in der Tatsche, daß eine Reihe von Pflanzen auf dem Wege der Prüfung ihrer Brauchbarkeit als Heilpflan­zen überhaupt erst gefunden wurden und daß die Zahl für die Therapie brauchbarer Indikationen recht erheblich zunahm. So verdanken viele moderne Heilpflanzenanwendungen dem homöopathi­schen Arzneifindungsweg Samuel Hahnemanns ihre Entdeckung. […]

Bei allem Bemühen um Begründungsmöglichkeiten der pharmakologischen Wirkung ebenso wie der therapeutischen Wirksamkeit ist für den therapeutischen Wert einer Heilpflanze letztlich die Brauchbarkeit am Patienten entscheidend. Nach wie vor ist deshalb auch die wissenschaftliche Phytotherapie im wesentlichen auf die therapeutische Empirie angewiesen. Sie ist heute nicht mehr wie früher zufälligen Feststellungen ausgeliefert. […]

Aus phytotherapeutischer Sicht ist eine […] Aufspaltung sowohl der Bewertung wie auch der Forschungswürdigkeit pflanzlicher Heilmittel in keiner Weise gerechtfertigt. Phytotherapeutika sind als Monoprodukte oder als Kombinationspräparate aus Pflanzen, Pflanzenteilen, Pflanzenin­haltsstoffen oder deren galenischen Zubereitungen eine eigenständige Therapieform, welche sich in ihren Wirksamkeitsnachweisen, ihren Anwendungsmöglichkeiten und durch ihre therapeutische Breite eindeutig von anderen Arzneimitteln unterscheiden und entsprechend eine zusätzliche, von allopathischen Wirkprinzipien unabhängige Beurteilung erfordern. Die aus Pflanzen isolierten Reinstoffe (sogenannte Naturstoffe) können aus dieser Überlegung ausgeklammert und auf der pharmakologischen Basis allopathischer Arzneimittel Beurteilung finden. Von praktischer Bedeu­tung ist, daß es Fälle gibt, in denen der reine Wirkstoff vor der Gesamtdroge entscheidende Vorteile besitzt. Bei den meisten Heilpflanzen gilt jedoch das Umgekehrte. Nicht selten entstehen durch die Isolierung von Wirkstoffen ganz neue Pharmaka mit ganz anderen therapeutischen Indikationen. Unabhängig von der pharmakologischen Forschung liegt die Hauptaufgabe der Forschungsarbeit auf dem Gebiet der pflanzlichen Therapie immer noch bei der empirisch-klinischen Prüfung. […]

2. Therapeutische Grundidee und therapeutische Methodenwahl

Therapie mit Heilpflanzen, also Phytotherapie, kommt nach Rudolf Friedrich Weiß für alle Gebiete der Heilkunde im Betracht, wenn auch in unterschiedlicher Verteilung. […]

3. Charakter der Phytotherapeutika im Hinblick auf die konventionelle Medizin

[…] Das Bestreben [ging] dahin, möglichst aus allen Heilpflanzen Reinsubstanzen darzustellen, die man ebenso wie chemisch genau definierbare Stoffe untersuchen und nach dem engen Wirkungprinzip einsetzen konnte. Auf diese Weise konnte die pharmakologische Wirkung wie auch die therapeutische Wirksamkeit so mancher alten Heilpflanze erklärt werden. Die Phyto­therapie als Ganzes hat durch diese Forschungen eine bemerkenswerte Erweiterung ihrer wissen­schaftlichen Begründung erfahren. Gleichzeitig hat sich aber auch das Gebiet der Phytochemie in großem Umfang entwickelt. Sehr viele der aus Pflanzen gewonnenen Inhaltsstoffe konnten nicht nur isoliert, sondern auch ihrer Struktur nach aufgeklärt werden. Die neuen Möglichkeiten einer besseren Stan-dardisierung und gleichmäßigen Zubereitung pflanzlicher Mittel waren die Grundlage für die Entwicklung einer leistungsfähigen pharmazeutischen Industrie. Und doch sind aus der Sicht des Phytotherapeuten Bedenken gegen das pharmakologische Prinzip anzumelden, daß die Heil­pflanze zum Nachweis ihrer therapeutischen Wirksamkeit eine Reinsubstanz enthalten muß und daß letztendlich eine restlose pharmakologische Aufklärung der therapeutischen Wirksamkeit aller Phytotherapeutika möglich ist. Leider hat sich bereits eine bedenkliche Neigung entwickelt […], sämtliche Heilpflanzen, die sich nicht in das neue Gebäude der Phytopharmaka einfügen lassen, geringschätzig abzutun und sie aus der Forschungswürdigkeit aus­zuklammern. Es ist heute notwendig einzugestehen, daß man zur Aufklärung der therapeutischen Wirksamkeit […] eben noch keine geeignete Methodik gefunden, keine geeigneten Prüfmodelle entwickelt hat. Hier öffnet sich noch ein breites Gebiet für weitere Forschungen. Es liegen ja auch bereits erste Ansätze vor, eine eigene Phytopharmakologie zu schaffen. Ihre Aufgabe muß es sein, Verfahren zu entwickeln, die den pflanzeneigenen Stoff­komplex einer Heilpflanze sowie die pflanzeneigene Stofforganisation und deren Wirksamkeit zu erfassen vermögen bzw. therapeutische Wirksamkeit mit genügender Wahrscheinlichkeit belegen können. Dies setzt allerdings voraus, die ausschließliche Isolierung von Reinsubstanzen aufzuge­ben, nach der stofflichen Ganzheit der Heilpflanze zu fragen und den Gesamteffekt zur Prüfungs­aufgabe zu machen, den der pflanzeneigene Stoffkomplex therapeutisch hervorruft. Bisher jeden­falls kann man die therapeutische Wirksamkeit weder eines einzelnen Gesamtkomplexes einer Heilpflanze noch einer Vielfachmischung objektiv beurteilen, es sei denn aus den Erfahrungstatsa­chen der Therapie. Die therapeutische Empirie, das heißt, die Lehre von der Erfahrung aus Beob­achtungen am kranken Menschen, ist derzeit wissenschaftlich nicht hoch eingeschätzt. Und doch ist sie ohne Zweifel ein gleichwertiger Teil wissenschaftlicher Forschung, wenn ihr klinische Studien, Multizenterstudien im ambulanten ärztlichen Bereich sowie ärztliche Erfahrungen und ärztliches Erfahrungswissen zugrundegelegt werden. Es ist die therapeutische Empirie, welche zusammen mit dem ganzen Spektrum pharmakologisch-experimenteller Möglichkeiten eine Fortentwicklung der Phytotherapie in und mit der konventionellen Medizin ermöglicht.

Bei der Therapie mit Phytotherapeutika spielt die therapeutische Breite eine besondere Rolle. Sie beschreibt den Abstand zwischen der erwünschten pharmakologischen und der toxischen Wirkung. Dieser Abstand ist für Phytotherapeutika besonders groß, weil sogenannte Koeffektoren die thera­peutische Wirksamkeit enthaltener pflanzlicher Reinstoffe bzw. des gesamten pflanzeneigenen Stoffkomplexes verändern. Koeffektoren sind Stoffe, die neben den Wirksubstanzen in einer Droge enthalten sind. Sie können therapeutische Wirksamkeit, aber auch Löslichkeit verändern. […]

Bei einem Phytotherapeutikum bewirkt also die Droge, ihr Auszug oder Extrakt mit den bereits be­kannten oder oft auch noch unentdeckten Wirkstoffen bzw. nicht definierten pflanzeneigenen Stoff­gemischen und den zugehörigen Koeffektoren die therapeutische Breite. Diese kann als besonderer Vorteil der Phytotherapeutika angesehen werden. Ihr ist auch die gute Verträglichkeit dieser Arz­neimittel zuzuordnen. Auch in hohen, die therapeutischen Notwendigkeiten weit überschreitenden Dosierungen treten bei vielen Phytotherapeutika keine schädlichen Wirkungen auf oder erweisen sich bei ihrem Auftreten als harmlos und rasch reversibel. Trotzdem ist daraus nicht der Schluß zu ziehen, daß  pflanzlich Arzneimittel keinerlei unerwünschte Wirkungen hätten. Solche sind jedoch gegenüber Nebenwirkungen synthetischer Arzneimittel seltener und gutartiger. Es muß deshalb ein weiteres Anliegen zukünftiger Forschung sein, Aussagen zur therapeutischen Breite und zum thera­peutischen Spektrum zu vertiefen und eindeutige Beschreibungen und Belege für ihre Besonder­heiten in der Phytotherapie zu erbringen.

4.   Indikationen für Phytotherapeutika, soweit diese für eine Therapie sinnvoll sind - Kontraindikationen

Phytotherapeutika stellen sowohl eine Ergänzung wie auch eine Konkurrenz zu den chemisch defi­nierten Arzneimitteln, den sogenannten Chemotherapeutika dar. Es gibt einige für Phytotherapeu­tika typische Indikationsgebiete. Diese werden auch in Zukunft Bestand haben, besonders wenn es gelingt, die therapeutische Wirksamkeit der pflanzlichen Arzneimittel auch pharmakologisch und durch klinische Untersuchungen nicht nur empirisch, sondern auch im naturwissenschaftlichen Sinne durch dokumentierte ärztliche Erfahrung zu belegen. Klinische Prüfungen sind besonders mit solchen Drogenzubereitungen durchzuführen, deren Risiko weitgehend bekannt ist, deren Indika­tionsgebiete aber noch genauer abgesteckt werden müssen bzw. für die neue zu erschließen wären.

5.   Anmerkungen zu wissenschaftlichen Arbeiten über die pharmakologische Wirkung bzw. die therapeutische Wirksamkeit der Phytotherapeutika

Die pharmakologisch geforderte Qualität von Arzneimitteln ist eine vom Arzneimittelgesetz gefor­derte Gütenorm, die eine konstante Zusammensetzung mit gleichbleibendem Wirkstoffgehalt und damit verbunden möglichst gleichbleibender pharmakologischer Wirkung garantieren soll. Es wird unausgesprochen dabei vorausgesetzt, daß auch die therapeutische Wirksamkeit der Mittel dann entsprechend garantiert ist. Diese pharmakologische Garantie ist an die Einhaltung vorgegebener Standards wie Reinheit, Wirkstoffgehalt, biologische Verfügbarkeit usw. gebunden. […]

Quelle: ZDN, Dokumentation der besonderen Therapieeinrichtungen und natürlichen Heilweisen in Europa,

Band I, 1.Halbband, S. 663-684, Phytotherapie

Autor: Prof. Dr. med. Dipl.-Chem. Lucius Maiwald