Irisdiagnostik (Iridoskopie)

Die Augendiagnose ist eine Systemdiagnose und befaßt sich in erster Linie mit der Funktion der Organe und stellt deren Fehlverhalten dar. Aus diesem Grunde präsentiert sich an der Lokalisati­onsstelle nicht das Organ selbst, sondern seine Fehlfunktion.

Irisdiagnose und Augendiagnose (eine Begriffsbestimmung)

Es handelt sich hier um zwei recht unterschiedliche Begriffe, die beide seit der Zeit Ignaz von Péczelys nicht immer ihrer Bedeutung entsprechend angewendet werden. Schon Péczely spricht von der "Diagnose aus dem Auge", meint aber damit eindeutig die Irisdiagnose.

Die Irisdiagnose ist die Erkennung von Funktionsstörungen des Körpers allein aus der Iris unter Einschluß der Pupille. Auch heute noch gibt es Diagnostiker, die zur Befunderhebung nur die Iris betrachten. Neben der Bezeichnung Irisdiagnose finden wir als Synonyma Iriskopie und Iridosko­pie.

Die Augendiagnose zieht außer der Iris und der Pupille auch die Konjunktiva, die Sklera und die Adnexe des Auges zur Befunderhebung heran. Um diese Augendiagnose haben sich besonders Schnabel und Angerer verdient gemacht. In neuerer Zeit hat sich die Bezeichnung "Ophthalmotrope Phänomenologie" eingebürgert.

Abriß der historischen Grundlagen der heutigen Augendiagnostik

Die Beobachtung der Veränderungen am Auge und seiner Umgebung ist so alt, wie überhaupt Menschen einander angesehen haben. In der alten chinesischen Medizin finden wir Hinweise darauf ebenso wie bei Hippokrates und Philostratus (3. Jahrhundert vor Christus), die sagten, den Cha­rakter des Menschen erkenne man aus den Augen. Die erste Schrift der Neuzeit, in der auf die Zei­chen in der Iris und ihre diagnosti­sche Bedeutung hingewiesen wird, stammt von Philippus Meyen. [...]

Der Mann, dem wir die Augendiagnose in der heutigen Form verdanken, ist der praktische Arzt Dr. med. Ignaz von Péczely  in Budapest (1826-1911). [...]

Zur Entstehung der Iriszeichen

Die Frage nach der Entstehung der Iriszeichen ist eine der wichtigsten auf dem Gebiet der Augen­diagnose.

Bis heute leidet die sachliche Darstellung unter dem "Eulenmärchen". Nach diesem soll Péczely als Knabe einer Eule das Bein gebrochen haben und dabei die Entstehung eines dunklen Striches in der Iris des Vogels beobachtet haben (im späteren Beinfeld). Das sei die Geburtsstunde der Irisdiagno­stik gewesen! Péczely selbst schreibt dazu, das verwundete Tier habe ihm seine Kralle durch die Sehne des linken Zeigefingers und Daumens gebohrt; aus dieser Zange habe er sich nur  dadurch zu befreien gewußt, daß er mit der rechten Hand das Bein der Eule brach, "worauf sich bei der Eule das entsprechende Auge mit Blut füllte. Er trug das Tier heim, wo es sich bei guter Pflege alsbald er­holte, aber in dem Auge blieb ein Fleck". In dieser authentischen Darstellung kommt der später so oft zitierte "schwarze Strich im Beinfeld" nicht vor. Und das ist auch der Grund, warum spätere Versuche, diesen Vorgang an Versuchstieren nachzuholen, vergeblich blieben. [...]

In neuerer Zeit haben die Arbeiten von Dr. W. Lang, Heidelberg, hier eine Basis geschaffen, deren wissenschaftliche Anerkennung bisher ausgeblieben ist. Lang hat sich an der Universität Heidelberg eingehend mit der Anatomie der Nervenverbindungen befaßt, und es gelang ihm 1954, den Beweis zu erbringen, daß - anatomisch gesehen - Nervenver­bindungen von allen Teilen des Körpers zur Iris bestehen. In seinem Buch legt Lang dar, daß am Ent­stehen der Iriszeichen das Vorderseiten­strangsystem beteiligt ist. Die Irissektoren (oder Organfelder) sind periphere Repräsentanten dieses Systems. Sie stellen die Erfolgsareale zentral gelegener Zellkomplexe dar, was nun bedeutet, daß im ZNS die gesamte Iris­einteilung als Modell enthalten sein muß. Der Thalamus ist die Umschalt­stelle der afferenten Bah­nen aus den Organen. Die Einstrahlung dieser Nervenfasern erfolgt nach Segmenten geordnet. Vor­her treffen sich die afferenten Fasern aus allen Teilen des Körpers im sympathischen Centrum cilio­spinale […]In seiner Arbeit zeigt Lang, daß die Iriszei­chen ihrer Entstehung nach Sym­pathikuszeichen sind.

Die Rückbildung der Zeichen

Die Frage nach der Entstehung eines Zeichens enthält zugleich die Frage, ob es sich nach der Bes­serung des Zustandes verändert oder ob es verschwindet. […]

Wenn ein Patient seinem subjektiven Empfinden nach von einer Besserung spricht, ist damit noch nicht erwiesen, daß der pathologische Zustand als solcher abgeschlossen, d.h. geheilt ist. Ein Ent­zündungszustand kann z.B. auch dann weiterbestehen, wenn der Patient einen Entzündungsschmerz nicht mehr empfindet. Das Entzündungszeichen in der Iris muß also bestehen bleiben, und zwar so lange, bis die Entzündung beseitigt ist. [...]

Die Iriszeichen und ihre Bedeutung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Zeichen in der Iris nach Gruppen oder nach ihrer speziel­len Bedeutung einzuteilen.

Die Iriszeichen nach Helligkeitsgrad, Form und Farbe

Iriszeichen, die zur Befunderhebung herangezogen werden, unterscheiden sich durch

Den Helligkeitsgrad

  • Die Iriszeichen können in der Helligkeit von Weiß bis Schwarz variieren. Weiße Zeichen sind beispielsweise Hinweise auf eine Entzündung, eine Reizung oder Überreizung. Je heller (weißer) diese Zeichen sind, desto akuter, entzündlicher und gegebenenfalls schmerzhafter ist der Zustand des betroffenen Organs.

Die Form

  • Beispiel: Wische. Wie das Wort sagt, ist ein "Wisch" ein zartes, nur eben hingewischtes Et­was. Wische sind sehr schwer zu erkennen. Großflächige Wische weisen auf Entzündungen hin und damit auf akute Zustände.

Die Farbe

  • Die blaue Iris: Diese Farbe ist der Ausdruck der lymphatischen Konstitution: Neigung zu Vergrö­ßerungen der Tonsillen (Mandeln) der Lymphknoten und der Milz. Akute und chronische (besonders diese!) Appendizitis (im Volksmund Blinddarmentzündung).

Die Topographie der Organe (Somatische Topographie)

Den Anfang machte Ignaz von Péczely mit seiner Topographie (topos = Ort; graphein = schreiben, be­schreiben), die nur aus Zahlen bestand, die in den die Iris darstellenden Kreis eingezeichnet wa­ren [...]. In den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts waren die Arbeiten soweit abge­schlossen, daß es prak­tisch nur noch drei sachlich richtige Topographien gibt, die so unwesentliche Unterschiede zeigen, daß es nicht zu abweichenden Diagnosen kommen kann.[...]

Um eine sichere Befunderhebung aus der Iris, aus dem Auge und seinen Adnexen vornehmen zu können, muß man nicht nur die Topographie der Organe und die Bedeutung der Zeichen nach Form und Farbe beherrschen, sondern als unabdingbare Forderung auch über grundlegende Kenntnisse in Anatomie, Histologie und normaler und pathologischer Physiologie verfügen. Aus der Summe die­ser Kenntnisse heraus wird erst aus dem Befund eine Diagnose.

Harmonische Verbindungslinien: Diese Linien wurden vom M. Madaus in die Irisdiagnose einge­führt und von E. Flink in ihrer Be­deutung weiter ausgebaut. Es handelt sich um Verbindungslinien zwischen einzelnen korrespondierenden Organen. Sie sind nicht sichtbar, solange keine Funktions­störung im Regelkreis vorliegt. Sind sie aber gekennzeichnet (hell oder dunkel), dann sind diese Li­nien mit ihren Zusammenhängen in die Diagnose und Thera­pie einzubeziehen. [...]

Quelle: ZDN, Dokumentation der besonderen Therapieeinrichtungen und natürlichen Heilweisen in Europa, Band IV, S. 51-65, Augendiagnostik

Autor: Günther Lindemann