Anthroposophische Medizin

Anthroposophische Medizin

Die durch Anthroposophie erweiterte Medizin ist noch jung. Sie wurde zu Beginn der 20er Jahre durch Dr. Rudolf Steiner und Dr. med. Ita Wegman  in Zusammenarbeit mit weiteren Ärzten ent­wickelt. Anliegen war, die mit den Methoden der Naturwissenschaft gefundenen Tatsachen der mo­dernen Medizin durch geisteswissenschaftliche Forschungsergebnisse aus der Anthroposophie neu zu interpretieren und zu ergänzen.

In der anthroposophischen Menschenkunde werden vier Wesensglieder beschrieben: der physische Leib, der ätherische Leib, der Astralleib und die Ich-Organisation.

Zum Krankheitsverständnis

Eine Analyse des gegenwärtig zu beobachtenden Sozialverhaltens der Patienten zeigt eine Diskre­panz: dass auf der einen Seite der Heilungsanspruch von außen noch be­steht, dass andererseits aber das Verlangen nach Mitverantwortung wächst. Diese Diskrepanz oder Ambivalenz entspricht den sich gegenüberstehenden wissenschaftlichen Grundauffassungen vom Wesen des Menschen und der Krankheit in der Gegenwart.

An der Entstehung und am Verlauf jeder Krankheit sind alle vier Wesensglieder beteiligt und dabei in ein mehr oder weniger reversibles, disharmonisches Verhältnis zueinander kommen. Bei dem Bemühen, die Fülle der ver­schiedenen Krankheiten unter diesem Gesichtspunkt zu ordnen, ergeben sich prinzipiell vier Typen aufgrund der jeweiligen Dominanz eines Wesensgliedes: skleroseartige, geschwulstartige, entzün­dungsartige, lähmungsbedingte Krankheitsformen.

Bei jeder der genannten typischen Krankheitsgruppen lassen sich aber auch die Wirkungen der je­weils drei anderen in Disharmonie befindlichen Wesensglieder beobachten. Auch können sich die einzelnen Wesensglieder in ihrem Vorherrschen abwechseln und so die zahlreichen Misch- und Übergangsformen sowie verschiedene Krankheitsphasen bewirken.

Skleroseartige Erkrankungen

Die Krankheitsbilder der skleroseartigen Erkrankungen sind dadurch charakterisiert, dass aus dem Fließgleichgewicht der lebendigen Stoffwechseltätigkeit Stoffe sich krankhaft im Gewebe ablagern. Sie fallen damit gleichsam aus dem Lebensprozess heraus und treten in den Bereich der Gesetze des Anorganischen ein. Das kann bis zu richtigen sedimentartigen Kalkablagerungen oder Steinbildun­gen führen. Dieser Prozess kann sich in nahezu allen Organen und Organsystemen abspielen und macht sichtbar, dass die Gesetze des physischen Leibes sich den Lebensgesetzen des Ätherleibes nicht mehr fügen, sondern eigenwillig zur Geltung kommen. So steigt auch in den betroffenen Geweben jeweils der Gehalt an Gesamttrockensubstanz an. Zu dieser Krankheitsgruppe gehören neben den genannten Steinerkrankungen folglich auch alle Ablagerungserkrankungen wie die arterio-sklerotischen Veränderungen und verhärtende fibrotische Umbauvorgänge in den verschiedenen Organen.

Geschwulstartige Erkrankungen

Wenn der Ätherleib den geordneten Zusammenhang mit den oberen Wesensgliedern – Astralleib und Ich-Organisation – verliert, treten geschwulstartige Erkrankungen auf. Diese können benigne oder maligne sein. In beiden Fällen treten Eigenschaften der Zelle, die vornehmlich in fortgesetzter Teilung bestehen, auf. Dabei kann die Zellteilungsrate, die Mauserung, überwiegen oder bei nied­riger Teilungsrate eine längere Lebenszeit bestehen. Die vermehrte Zellansammlung kann zu diffe­renziert oder undifferenziert aufgebauten Tumoren führen. Bei den benignen bleibt das vorüberge­hend gesteigerte Wachstum meist begrenzt. Das abnorme, überschießende, von der Ich-Organisa­tion und vom Astralleib nicht mehr kontrollierte, autonom gewordene Wachstum der malignen Tu­more breitet sich infiltrierend, Geweb–, Organ- und System-Grenzen durchbrechend aus. Das Ungleichgewicht im Organismus entspricht dem Vorherrschen des Ätherleibes, denn es dominieren Reproduktion und Wachstum.

Bei den geschwulstartigen Erkrankungen ist darüber hinaus die harmonische Interdependenz zwi­schen Zellfunktion und Organismus gestört. Der hohen Zellteilungsrate im Tumor-Gewebe steht im Vergleich zum entsprechenden gesunden Gewebe eine größere Zelluntergangsrate gegenüber. Der dadurch entstehende "Zellschutt", besonders im Zentrum der Tumore, kann im weiteren Sinne als Ablagerungsphänomen und damit als sklerose-ähnlich aufgefasst werden. Zunahme des Trockenge­wichts, Verhornungstendenzen, Szirrhusbildungen und Verkalkungen weisen in die gleiche Rich­tung.

Es gehört also zum Typus dieser Erkrankungen, dass Astralleib und Ich-Organisation das wu­chernde Leben nicht mehr differenzieren (Astralleib-Wirkung) und in den Zusammenhang des gan­zen Organismus integrieren können (Wirkung der Ich-Organisation). Die beiden Wesensglieder ha­ben sich zu stark vom Ätherleib und physischen Leib gelöst.

Das erklärt auch das mangelnde Krankheitsgefühl und die Empfindungslosigkeit bei Tumorbildun­gen, besonders in den Frühphasen. Auch der später auftretende Gewichtsverlust mit Appetitlosig­keit und Antriebsmangel sprechen dafür. Ebenso die bei subtiler Beobachtung des Kranken auf­fallende Unregelmäßigkeit der Atmung, einer für den Krebs typischen Rhythmusstörung, die mit ei­nem halbbewussten Angstgefühl verbunden ist.

Entzündungsartige Erkrankungen

Wenn der Astralleib aufgrund bestimmter äußerer und/oder innerer Bedingungen zu intensiv in die physisch-ätherische Konstitution eingreift, entstehen entzündliche Erkrankungen.

Lähmungen

Bei der Lähmung ist dies im Bezug auf die Ich-Organi­sation nicht sogleich ersichtlich. Dieses hängt mit der Sonderstellung der Ich-Organisation zusam­men. Das Zusammenwirken der Wesensglieder bei den willkürlichen Gliedmaßenbewegungen er­gibt sich aus der anthroposophischen Menschenkunde in folgender Weise: Der physische Leib gibt die Grundlage und Stütze, der Ätherleib wirkt in den fließenden Bewegungsabläufen, der Astralleib hingegen in Tonus und Kraft der Muskulatur. Die Ich-Organisation prägt den Bewegungsabläufen ihren unverwechselbar individuellen Charakter auf und gibt Richtung und Ziel. Bei unwillkürlichen oder reflektorischen Bewegungen ist sie nicht tätig. Daher kommt hier ein Wechsel zustande zwi­schen dem sich-Verbinden und -Lösen. Verbindet sich die Ich-Organisation dauerhaft mit einer Gliedmaße, so tritt Lähmung ein.

Grundtypen psychischer Erkrankungen

Auch hier sind alle Wesensglieder in unterschiedlicher Weise am Krankheitsprozess beteiligt. Dabei zeigt sich jedoch bei den psychischen Krankheitsbildern ein grundlegender Unterschied: Es gilt hier, dass Eigenschaften oder Gesetzmäßigkeiten des physischen und/oder des ätherischen Leibes sich in die bewussten seelischen Prozesse und Eigenschaften des Astralleibes und des Ichs hineinprojizieren.

Phobien und Zwänge

Wenn die Gesetzmäßigkeiten des physischen Leibes, insbesondere die Qualitäten des Festen, Star­ren, Harten, Unbeweglichen, der Schwerkraft und Trägheit im Bereich des Vorstellungslebens, der Erwartungshaltungen und der psychovegetativen Vorgänge dominierend einwirken, kommt es zu phobischen oder zwanghaften psychopathologischen Symptomen, die man in der Psychiatrie vor­zugsweise im Rahmen neurotischer Erkrankungen sieht, die aber auch im Zusammenhang mit psy­chotischen oder hirnorganischen Krankheitsbildern vorkommen.

Depressionen

Die depressiven Erkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen der Gegen­wart. Häufig treten sie bei Menschen auf, die in ihrem seelischen Verhalten eine Tendenz zum Überkorrekten und Überordentlichen haben. Darin zeigt sich ebenfalls die Dominanz physischer Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten im Seelenleben; bei den schweren Depressionen allerdings in einer umfassenderen Weise als bei den Phobien und Zwängen. Die typische Depression ist gekennzeichnet durch eine Abnahme der Vitalität, der Le­bendigkeit, der Aktivität, der Entschlussfähigkeit und Lebensfreude. Diese typisch depressiven oder melancholischen Symptome weisen auf die Hemmung der Wirksamkeit des Ätherleibes hin, der bei der Depression unter der Dominanz der Schwerkraft des physischen Leibes steht.

Halluzinatorische Erkrankungen

Bei den psychopathologischen Phänomenen der Halluzinationen, die auf allen Sinnesgebieten vor­kommen können und vorzugsweise bei endogenen und exogenen Psychosen auftreten, handelt es sich nach den Erkenntnissen der anthroposophisch erweiterten Psychiatrie um Phänomene einer Projektion ätherischer Bildekräfte, die ihren organischen Ursprung verloren haben und aus den tief unbewussten leiblichen Vorgängen in das bewusste, aber unwillkürliche Seelenleben eindringen. Auf diese Weise wird der von einer solchen Erkrankung betroffene Mensch mit einer im echten Wort­sinne leibhaftigen Wahrnehmung in seinem psychischen Leben überwältigt. Die ätherischen Bilde­kräfte, die eigentlich in der Organbildung und Organfunktion physiologisch tätig sein sollten, proji­zieren physiologische Organprozesse in das Wahrnehmungsleben eines Patienten, der davon be­dingungslos überwältigt wird. Deshalb sind in der Regel Distanz und Kritikfähigkeit des Patienten gegenüber seinen Halluzinationen kaum möglich. Während die Interpretationen von halluzinatori­schen Erlebnissen, auch im Rahmen von paranoid-halluzinatorischen Psychosen, durchaus psycho­dynamisch nachvollziehbar sein können, trifft dies nicht in gleicher Weise auf das Auftreten der halluzinatorischen Bilder als solche zu, die eben nicht psychodynamisch, sondern leiblich ätheri­schen Ursprungs sind. Im Falle der halluzinatorischen Erkrankungen sind in erster Linie die psy­chischen Fähigkeiten von Wahrnehmung, Empfindung und Stimmung von der leiborientierten äthe­rischen Struktur betroffen.

Wahnideen und Erregungszustände

Im Vergleich zu den halluzinatorischen Phänomenen zeigen die paranoiden Symptome im Rahmen der paranoid-halluzinatorischen Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis eine weitere Steige­rung in der Projektion physisch ätherischer Gesetzmäßigkeiten in das Seelenleben. Nicht nur Wahrnehmung, Empfindung und Stimmung werden von einer fremden Struktur beeinträchtigt, son­dern auch das Denken, die gedankliche Urteilsbildung als bewusste Ich-Leistung, wird durch die physisch ätherische Struktur beeinflusst, in schweren Fällen deformiert.

Zur Therapie psychischer Erkrankungen

Die Therapie psychischer Erkrankungen innerhalb der anthroposophisch erweiterten Psychiatrie hat vier Ansatzpunkte:

1. Die Indikation der äußeren Anwendungen (Einreibungen, Wickel, Bäder, Massagen, Gymnastik) zur Aktivierung und Rückführung von Lebensprozessen und Lebenskräften an den physischen Leib und seine Organe. Auf diese Weise werden die physischen und ätherischen Strukturen wieder stär­ker an den Leib gebunden und von einer pathologischen Projektion ins Seelenleben zurückgehalten.

2. Rückführung der leibbildenden und -erhaltenden Wesensgliederkräfte aus dem seelischen und Bewusstseins-Bereich in das unbewusste Leibesleben durch Heilmittel, vorzugsweise aus dem Mine­ral- und Pflanzenreich. Diese machen die Organe wieder aufnahmefähig für ein angemessenes Wirken der Wesensgliederkräfte.

3. Das Wiedereinführen eines harmonischen Wechselverhältnisses zwischen somatischen und psy­chischen Prozessen durch gezielte Anwendung künstlerisch therapeutischer Übungen in den Berei­chen plastisch therapeutisches Gestalten, Maltherapie (einschließlich Zeichnen), Musiktherapie, therapeutische Sprachgestaltung und Heileurythmie.

4. Eine auf das Geistige im Menschen hinorientierte Gesprächstherapie, die gerade auch bei den psychisch kranken Menschen immer bemüht ist, den gesunden Wesenskern des Menschen, sein Ich, anzusprechen. Auf diese Weise werden die gesunden Anteile im Seelenleben des psychisch kranken Menschen unterstützt und gestärkt. Der Patient kann so lernen, seine psychische Krankheit als eine aus dem Leib kommende zu erkennen und anzunehmen und Schritte der Krankheitsbewältigung zu üben.

Diagnostischer Ansatz und diagnostische Methoden unter besonderer Herausstellung der Unterschiede zu schulmedizinischen Parametern

Anthroprosophische Medizin ist die geisteswissenschaftliche Erweiterung der naturwissenschaftli­chen Medizin. Aus diesem Selbstverständnis ergibt sich, dass der anthroposophische Arzt die schul­medizinischen Parameter bei seiner Diagnosefindung vollständig mit einzubeziehen hat. Es ist selbstverständlich, dass er neben der klinischen Untersuchung sich prinzipiell aller heutigen bio­chemischen, analytischen Labormethoden wie auch der endoskopischen und bildschaffenden Ver­fahren (Sonographie, Röntgen) bedient. Er geht jedoch mit den Ergebnissen dieser Untersuchungen anders um als der Schulmediziner. Das Besondere der anthroposophischen Medizin liegt daher zunächst in der andersartigen denkerischen Bewertung und Einordnung der Befunde, gemäß dem oben beschriebenen anthroposophischen Menschenbild. Hinzu kommt, dass der anthroposophische Arzt das so genannte subjektive Befinden des Patienten in allen Einzelheiten ernst nimmt und eben­falls gemäß dem Zusammenwirken der Wesensglieder auswertet. Das erfordert eine anamnestische Befragung, die neben der akuten Erkrankung und den Vorerkrankungen auch die biographische Situation mit einbezieht sowie die Lebensgewohnheiten und inneren wie äußeren Lebensumstände. Denn erst auf dem Hintergrund des Erfassens der Persönlichkeit des kranken Menschen und seiner Umwelt erhält die Krankheitssymptomatik ihre individuelle Wertigkeit, deren Kenntnis dem Arzt die angemessene Therapie ermöglicht.

Unter dem Aspekt des dreigliedrigen Menschen ist es z. B. für den Arzt wichtig zu wissen, über wel­che ausgleichende Potenz der Patient in seinem rhythmischen System verfügt. Hier geben Fragen Aufschluss nach Störungen des Schlaf- und Wach-Rhythmus, des Rhythmus der Nahrungsaufnahme (den Mahl-Zeiten) sowie den Zeiten der Ausscheidungen usw.

Methodisch wird hier also von vornherein das Subjekt des Patienten umfassend in die Diagnosefin­dung mit einbezogen, damit die objektiv erhobenen Befunde dazu gemäß geordnet und bewertet werden können.